An allem war der Maulwurf schuld

Für Werner

Carsten öffnete langsam ein Auge. Das erste, was ihm auffiel, war das Sonnenlicht, das durch das Fenster auf sein Bett fiel. Es genügte, um ihn enthusiastisch aufspringen zu lassen, anstatt sich noch einmal umzudrehen und weiter zu schlafen.
Es war Sonntag, und er wollte den ganzem Tag der Tätigkeit widmen, die er am meisten liebte: Gartenarbeit.
Angesichts der Tatsache, dass er Landschaftsgärtner war und die ganze Woche nichts anderes tat, war es erstaunlich, dass er an schönen Wochenenden nichts lieber tat als sich in seinem eigenen Garten auszutoben und seine kreativen Ideen auszuprobieren. Er selbst sah dies als ein Zeichen, dass er sich tatsächlich den richtigen Job ausgesucht hatte. In letzter Zeit hatte die Begeisterung an der Arbeit allerdings nachgelassen, richtige Freude empfand er nur noch, wenn er auf seinem eigenen Stück Land werkelte und nicht durch die Vorstellungen der Kunden in seiner Kreativität eingeschränkt war.
Mit dem Frühstück hielt Carsten sich nicht lange auf. Er schlang nur schnell ein Toast herunter und kippte eine Tasse Kaffee hinterher, und schon war er aus dem Haus. Vor der Tür blieb er einen Moment lang stehen und ließ seinen Blick über den Garten schweifen. Er hatte ihn in mehrere kleinere Abschnitte aufgeteilt, die jeweils unterschiedliche Facetten beinhalteten. Wenn er mit einem Abschnitt fertig war, ging er zum nächsten über, und jedes Mal probierte er etwas anderes aus. In dem Teil, den er in der vergangenen Woche beendet hatte, sprudelte vergnügt Wasser aus mehreren Brunnen, und die Sonnenstrahlen vereinten sich perfekt mit den Wellen, um ein glitzerndes Muster zu zeichnen. Carsten erfreute sich nur kurz an dem Anblick. An diesem Stück gab es vorerst nichts mehr zu tun, jetzt galt es, ein neues Projekt zu beginnen.

Er machte sich auf den Weg zum nächsten Abschnitt. In der Mitte des Gartens stand ein Geräteschuppen, den er als erstes aufschloss. Noch wusste er nicht genau, was er benötigen würde. Er wollte sich zuerst inspirieren lassen, bevor er sich für einen neuen Stil entschied. Also schlenderte er auf ein Stück Wiese zu, das er früher schon einmal bearbeitet hatte. Damals hatte er eine Graslandschaft mit verschiedenen Wildblüten angelegt, die mittlerweile jedoch für seinen Geschmack zu chaotisch durcheinander wucherten. Das Gras hatte außerdem eine Höhe erreicht, die ihm beinahe peinlich war. Wie hatte er dieses Stück so lange unbeachtet lassen können?
Also beschloss Carsten, erst ein wenig Ordnung zu schaffen, bevor er sich entschied, wie es weitergehen sollte. Aus dem Schuppen, der immer ordentlich aufgeräumt war, holte einer eine Sense und machte sich an die Arbeit. Bei seinen Kunden arbeitete er natürlich mit einer Motorsense, doch da er in seinem Garten nur an Sonntagen arbeiten konnte, war das keine Option. Hier erledigte er alles auf die altmodische Art. Während er die Sense schwang, stieß er mit seinem Fuß an eine Unebenheit. Er runzelte die Stirn, hielt aber nicht an. Einige Schritte weiter passierte es schon wieder, doch er ließ sich immer noch nicht beirren. Kurze Zeit später räumte er die Sense zurück in den Schuppen und begann, das gemähte Gras weg zu rechen. Dabei achtete er genau auf den Boden, und es dauerte nicht lange, bis er den Grund seiner Irritation fand. Ein Maulwurfshügel ragte aus den Grasstoppeln heraus. Ärgerlich trat Carsten darauf und ebnete ihn so gut es ging mit dem Fuß ein. Dann rechte er weiter, doch er bemerkte eine leichte Spannung, die sich in seinem Inneren aufgebaut hatte, und die Aufgabe war nicht mehr ganz so zufriedenstellend wie vorher. Maulwürfe hatten schon immer zu seinen größten Feinden gehört. Sie zerstörten seine Kreationen, ohne dass er viel dagegen hätte tun können. Alle Methoden, die er bisher ausprobiert hatte, funktionierten nur bedingt, und glücklicherweise hatte er dieses Problem nur bei Kunden gehabt, niemals aber in seinem eigenen Garten. Und nun hatten es die Eindringlinge auch in sein kleines Reich geschafft.

Seine Anspannung wurde immer größer, als er einen Maulwurfshügel nach dem anderen entdeckte. Sieben Stück fand er auf dem doch relativ kleinen Stück Erde. Während er den letzten davon platt trat kam ihm ein schrecklicher Gedanke. Er ließ den Rechen fallen und stürmte zu dem angrenzenden Abschnitt, einem recht neu angelegten Sommerblumen-Beet, durch das sich zierliche Wege aus hellen Kieselsteinen schlängelten. Seine schlimmsten Befürchtungen wurden bestätigt. Auch hier war der Boden übersäht mit kleinen Erdhügeln.
Der wunderschöne Sonntag war ruiniert. Jetzt konnte er sich nicht auf ein neues Projekt kümmern, stattdessen musste er sich Möglichkeiten überlegen, mit den lästigen Biestern fertig zu werden. Zunächst holte er fünf Maulwurfschrecken aus dem Schuppen, die er für Kunden auf Lager hatte. Er hielt eigentlich nicht viel von diesen elektronischen Geräten, zumal sie neben ihrer begrenzten Nützlichkeit die Ästhetik des Landschaftsbildes zerstörten. Doch gerade war ihm alles recht. Er positionierte sie in optimalem Abstand zueinander im ganzen Garten. Dann ging er ins Haus. Im Bad fand er eine Flasche mit altem Rasierwasser. Auch diesen Trick hatte er schon einmal angewandt. Damals hatte es kurzzeitig geholfen. Er überlegte kurz und sammelte noch ein paar Mottenkugeln ein. So bewaffnet kehrte er in den Garten zurück und verteilte das Rasierwasser und die Mottenkugeln gleichmäßig über die gesamte Fläche. Es gab noch einige andere Haushaltstricks, die ihm einfielen, doch er beschloss, nicht sein ganzes Pulver sofort zu verschießen.
Es war noch früh am Tag, aber ihm war die Lust an seinem Garten vergangen. Verdrießlich schlurfte er ins Haus, ließ sich auf das Sofa fallen und starrte den Fernseher an, ohne viel von dem ohnehin nicht sehr spannenden Programm mitzubekommen.

Am nächsten Tag schaute er schnell im Garten vorbei, bevor er zur Arbeit fuhr. Zu seinem Entsetzen fand er zwei neue Maulwurfshügel. Auf dem Weg zur Arbeit dachte er darüber nach, wie er weiter vorgehen sollte. Er war so in seine Überlegungen versunken, dass er fast die Einfahrt des Einfamilienhauses verpasst hätte, dessen Vorgarten er von einer traurigen Stoppelwiese in eine elegante Landschaft verwandeln sollte. Gerade noch rechtzeitig trat er hart auf die Bremse und kam schlitternd vor dem Haus zum Stehen. Noch während er die Wagentür öffnete wusste er, dass es Ärger geben würde. Joachim Weber, der Besitzer des Hauses, kam bereits mit hochrotem Kopf herausgestürmt.
„Was fällt Ihnen ein? Sie machen noch die Steine kaputt!“ Er starrte Carsten wütend an, warf dann einen schnellen Blick auf die Uhr und fügte hinzu, „Und zu spät sind Sie auch!“
Carsten musste die Uhrzeit nicht überprüfen um zu wissen, dass er höchstens eine Minute zu spät gekommen war. Doch er hatte schon zu Beginn seiner Arbeit bei Joachim Weber gelernt, dass es einfacher war, sich unablässig zu entschuldigen, anstatt eine Diskussion zu riskieren. „Es tut mir Leid, wird nicht wieder vorkommen“, sagte er deshalb, und wandte sich seinem kleinen Bus zu, um den Spaten zu holen.
„Einen Moment noch“, sagte Joachim Weber, zumindest für den Moment etwas besänftigt. „Kommen Sie kurz mit ins Haus, ich möchte das Design noch einmal mit Ihnen durchgehen.“
Carsten unterdrückte mühsam ein Stöhnen. Er hatte die Pläne für den Vorgarten nun schon fünf Mal in zwei Wochen geändert. Beim letzten Mal hatte er versucht, seinem Arbeitgeber vorsichtig beizubringen, dass er sich nun entscheiden musste, da er mit der grundlegenden Arbeit fertig war und jetzt mit den Details anfangen würde. Das war vor drei Tagen gewesen. In dieser Zeit  hatte er mit einem filigranen Steinweg begonnen, Büsche gepflanzt und Beete angelegt. Viel Raum für Planänderungen war da nicht mehr. Trotzdem folgte er Weber wortlos ins Haus und versuchte sich einzureden, dass er vielleicht nur kleine Änderungswünsche hatte, die den größeren Plan nicht beeinflussen würden.
Weber führte ihn wie immer in ein kleines Nebenzimmer, das nur mit einem Tisch und ein paar Stühlen ausgestattet war. Das restliche Haus hatte Carsten nie zu Gesicht bekommen, doch selbst dieser spartanisch eingerichtete Raum ließ den Reichtum der Familie Weber erahnen.
Weber deutete auf einen der Stühle und setzte sich ebenfalls. Pflichtbewusst breitete Carsten die Pläne des Vorgartens auf dem Tisch aus.
Die nächste Viertelstunde verlief schlimmer als er es sich hätte vorstellen können. Weber krempelte gerade die Dinge wieder um, die Carsten schon erledigt hatte, und als er ihn darauf hinwies, dass er in diesem Fall länger brauchen und es entsprechend auch kostspieliger werden würde, schüttelte der nur den Kopf und sagte, „Sie haben mir zugesagt, dass Sie rechtzeitig zu meiner großen Party fertig sein werden.“
Carsten spürte nun seinerseits Wut hochkochen. Mit mühsam beherrschter Stimme sagte er, „Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, dass sich die Pläne noch mehrfach ändern würden, schon gar nicht nach Beginn der Arbeiten. Ich habe Ihnen bei der letzten Besprechung gesagt, dass Sie jetzt nichts mehr ändern können!“
Ein leichtes, verächtliches Lächeln umspielte Webers Lippen. „Lassen Sie sich was einfallen.“ Damit stand er auf, für Carsten das Zeichen, sich an die Arbeit zu machen. Für eine Sekunde dachte er darüber nach, ob er weiter streiten sollte, doch dann zuckte er mit den Schultern und ging nach draußen.

Während er damit begann, den Weg, dessen Steine er in den letzten Tagen liebevoll gelegt hatte, wieder zu zerstören, wanderten seine Gedanken wieder zu dem Maulwurfproblem. Ein Gedanke begann, sich in seinem Gehirn festzusetzen. Natürlich wusste er, dass Maulwürfe unter Naturschutz standen. Aber niemand würde es merken, wenn er die Mistviecher in seinem Garten ausrottete.
Die Idee reifte den ganzen Tag lang. Es erleichterte ihm die Arbeit zu wissen, dass er zumindest zu Hause bald wieder Herr der Lage sein würde, und er ertrug es klaglos, als Joachim Weber am Nachmittag eine halbe Stunde damit verbrachte neben ihm zu stehen und jede Bewegung, die er machte, zu kritisieren.
Zu Hause rannte er fast in den Schuppen. Ganz hinten in einer Ecke, versteckt unter ein paar leeren Blumenkübeln, fand er seinen Vorrat an Rattengift. Obwohl es schon dunkel wurde, bewaffnete er sich mit seinem Spaten und machte sich daran, das Gift in den Maulwurfshügeln zu vergraben. Erschöpft von einem Tag harter Arbeit, aber zufrieden mit sich und der Welt, ging er ins Bett.

Seine gute Laune hielt den ganzen nächsten Morgen an. Es waren keine weiteren Hügel dazu gekommen, und Joachim Weber war nicht zu Hause, so dass Carsten ungestört arbeiten konnte. Er war so glücklich, dass er in der Mittagspause beschloss, seine mitgebrachten Brote zu ignorieren und sich stattdessen einen Döner zu genehmigen. Vielleicht war das der erste Fehler des Tages. Als er gesättigt zurückkam, sah er schon von weitem Webers Auto in der Einfahrt stehen. Noch bevor sein Gehirn die Tatsache verarbeitet hatte, kam ihm Weber persönlich entgegen.
Ohne darüber nachzudenken sage Carsten, „Ich dachte, Sie wollten heute erst gegen Abend zurück sein.“
Weber zog seine Augenbrauen hoch. „Ich hatte mein Insulin vergessen. Aber es ist doch gut zu wissen, wie Ihre Arbeitsmoral auf meine Abwesenheit reagiert.“
Carsten musste zugeben, dass er ihm die Vorlage für diese Bemerkung geliefert hatte. Er ließ die folgende Standpauke mit verbissener Miene über sich ergehen und war erleichtert, als Weber sich wieder auf den Weg machte. Die Freude vom Vormittag war jedoch endgültig verflogen und er dachte missmutig darüber nach, wie einfacher sein Leben wäre, wenn es Arbeitgeber wie diesen nicht geben würde. Dann fiel ihm ein, wie einfach es gewesen war, sein Maulwurfproblem zu lösen. Alles, was er dafür gebraucht hatte, war die Bereitschaft, unschöne Dinge zu tun.
Von da aus war es kein weiter Sprung mehr zu der Lösung seines derzeitigen Problems. Natürlich konnte er kein Rattengift verwenden. Er hatte einige Krimis gelesen, bei denen die Opfer mit Gift umgebracht wurden, doch er konnte sich nicht genau erinnern, welche Gifte die Mörder verwendet hatten. Außerdem waren alle am Ende gefasst worden, und das war schließlich nicht sein Plan. Zu Hause setzte er sich an den Computer und begann zu recherchieren. Nach kurzer Zeit sah er bereits ein, dass sein Vorhaben nicht so einfach war, wie er es sich vorgestellt hatte. Die Gifte waren entweder noch nach langer Zeit nachweisbar, oder sie hatten einen bitteren Geschmack, der die orale Aufnahme ausschloss. Carsten hatte keine Ahnung, wie er Weber unbemerkt etwas in ein Getränk mischen sollte, zumal er ihn nicht einmal in den bewohnten Teil des Hauses ließ, aber es war trotzdem die Methode, die ihm als erstes einfiel.
Er vertiefte sich so sehr in das Thema, dass es nach Mitternacht war, als er das nächste Mal auf die Uhr sah. Trotzdem hatte er bisher kein Gift gefunden, das für seine Zwecke geeignet schien. Nachdenklich legte er sich ins Bett, und starrte an die Decke. Es musste doch einen Weg geben, Weber unauffällig zu beseitigen. Gerade als seine Augen endlich zufallen wollten, kam ihm ein Gedanke. Weber war Diabetiker – er hatte am Mittag das Insulin erwähnt. Wenn Carsten es schaffen konnte, ihm eine Insulinüberdosis zu verabreichen, könnte es wie ein Unfall oder auch ein Selbstmord aussehen. Mit einem Schlag war er wieder hellwach.

Er legte einen Stein an den nächsten, klopfte ihn fest, und warf einen Blick auf das Haus. Weber war vor einer Stunde nach Hause gekommen und hatte ihm wieder einmal einen Vortrag über seine verschiedenen Unzulänglichkeiten gehalten, doch zum ersten Mal hatte es Carsten nicht gestört. Früher am Tag hatte er sich das Haus genau angesehen und hatte ein Fenster im Erdgeschoss gefunden, das nicht richtig geschlossen war.
Es war Zeit, den Plan umzusetzen. Weber war nach den Lichtern zu schließen im ersten Stock, eine bessere Gelegenheit würde Carsten nicht bekommen. Er ließ alles stehen und liegen, sah sich verstohlen um und rannte dann geduckt zum Haus.
Er drückte das Fenster auf und kletterte in den kleinen Raum dahinter. Es war eine Gästetoilette, was ihm sogar beim Einsteigen half, da er vom Fenstersims auf den Toilettendeckel steigen konnte. Er bekam einen kurzen Schreck als er die Tür öffnen wollte und sie sich nicht sofort bewegte, doch glücklicherweise klemmte sie nur ein wenig. Er schlich durch einen Flur zu der nächsten Tür. Der Raum dahinter war offensichtlich die Küche. Er tastete sich weiter vor, bis er zum Wohnzimmer kam. Dort sah er auf dem Couchtisch eine kleine, schwarze Ledertasche liegen. Daneben entdeckte er einen Insulinpen. Weber musste sich vor kurzem Insulin gespritzt und ihn dann achtlos weggelegt haben. Carsten huschte zum Tisch und fand in der Tasche Ampullen zum Auswechseln. Aus seiner Jackentasche zog er eine Spritze hervor, die er mit dem Inhalt von mehreren Ampullen füllte. Er musste schließlich sicherstellen, dass er Weber genug injizieren konnte.
Gerade als er fertig war, hörte er Weber die Treppe hinuntergehen. Er legte schnell alles auf den Tisch zurück und positionierte sich mit der Nadel hinter der Tür zum Flur. Die Schritte kamen näher. Carsten machte sich bereit zum Stoß, doch Weber ging nicht ins Wohnzimmer, sondern in die Küche. Noch kurz vor seinem Tod schaffte er es, Carsten auf die Nerven zu gehen. Es dauerte etwa zehn Minuten, bis die Geräusche aus der Küche verstummten. Carsten strengte sich an, um jeden Laut aus dem Flur zu hören. Als er plötzlich eine Stimme von der anderen Seite des Raums hörte, zuckte er heftig zusammen.
„Was zur Hölle machen Sie hier drin?“
Weber stand etwa drei Meter von ihm entfernt vor einer weiteren Tür, die Carsten vorher nicht aufgefallen war, da sie von zwei umfangreichen Bücherregalen flankiert wurde. Sein Gesichtsausdruck war eher verwirrt als ärgerlich. Carsten erholte sich schnell von dem Schock. Jetzt musste er schnell handeln. Er war zu weit gekommen, um das Vorhaben jetzt noch abzubrechen. Außerdem konnte er nicht sicher sein, dass Weber die Spritze in seiner Hand nicht bemerkt hatte. Und ganz sicher würden ihm später die leeren Insulinampullen auffallen.
Ohne zu zögern stürzte sich Carsten auf ihn. Weber reagierte im letzten Moment und sprang zur Seite, doch Carsten hatte halb mit so etwas gerechnet und folgte der Bewegung. Die Spritze war Zentimeter von Webers Hals entfernt, als er Carstens Hand zu packen bekam. Er wehrte sich so gut es aus der ungünstigen Position ging, und Carsten sah es schon kommen, dass Weber die Oberhand gewinnen würde. Sein Vorteil war die Überraschung gewesen, doch diesen Bonus hatte er bereits verspielt.
Er erwischte Weber an der Kehle und drückte zu. Kurz schoss ihm der Gedanke durch den Kopf, dass es für die Ermittler nun offensichtlich Mord sein würde. Es spielte keine Rolle mehr. Weber versuchte verzweifelt, sich aus Carstens Griff zu winden. Sein Gesicht wurde rot. Carsten lächelte ihn zufrieden an. „Das wars dann wohl“, stellte er fest. „Kein Gemecker mehr, keine dämlichen Ansprüche. Glaub mir, ohne dich ist die Welt besser dran.“
Plötzlich verspürte er einen Stich in seinem linken Oberarm. Vor Überraschung lockerte er seinen Griff um Webers Hals und sah an sich hinunter. In seinem Arm steckte die Spritze, und sie war leer. Weber hatte ihm das Insulin injiziert. Sein Opfer wollte doch nicht etwa den Spieß umdrehen? Weber nutzte die Zeit, die ihm Carstens Überraschung verschafft hatte, gut. Er riss sich los, griff hinter sich und bekam einen Kerzenleuchter zu fassen, der auf dem Regal stand. Als Carsten den Leuchter auf seinen Kopf zurasen sah, dachte er unwillkürlich an ein Spiel, das er als Kind immer gemocht hatte. Herr Weber, mit dem Leuchter, im Wohnzimmer.

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