Perspektiven

Viele Menschen haben mittlerweile von Malala gehört, oder „ dem Mädchen, dass sich für Bildung stark gemacht hat und von der Taliban angeschossen wurde“, wie sie sich in ihrem Buch „I am Malala“ auch nennt.
Ich weiß nicht mehr, wann ich zum ersten Mal von ihr gehört habe. Erinnern kann ich mich dafür gut an ein Interview in der „Daily Show“ mit John Stewart, das meinen Mann und mich so sehr beeindruckt hat, dass wir uns das Buch aus Versehen gegenseitig geschenkt haben.

Jetzt bin ich endlich dazu gekommen, es zu lesen, und es hat meinen Respekt vor der jungen Frau nur vertieft. In ihrem Buch beschreibt sie einige Dinge, die mich überraschten. Dinge, die ich teilweise sogar wusste, aber noch nie aus diesem Blickwinkel gesehen habe.
Natürlich ist ihr Mut und ihre Entschlossenheit bewundernswert, aber es waren nicht einmal ihr Kampf für Bildung und die Beschreibung der Lebenssituation von Frauen in Pakistan, die mich am meisten berührt haben.  Es waren auch nicht die Erzählungen über Propaganda und Bedrohungen der Taliban, bei denen ich mir immer wieder in Erinnerung rufen musste, dass es sich hier um Dinge handelt, die geschehen sind und immer noch geschehen.
Was mir zu Herzen gegangen ist, war die Beschreibung des normalen Lebens. Es sind herzliche Geschichten von Geselligkeit, Freundschaft, kleinen Streitereien. Malala beschreibt die Gastfreundschaft in ihrer Familie. Immer wenn sie von der Schule nach Hause kam, waren Menschen im Haus, so dass sie sich oft ein bisschen Ruhe zum Lernen wünschte. Und doch war sie glücklich, ihr Heim und ihre Nahrung zu teilen.

Später erzählt Malala über ihre Zeit in Birmingham. Bevor ich das Buch gelesen habe dachte ich mir, wie viel Glück sie hatte, ins „zivilisierte“ England zu kommen und dort den Rest ihrer Jugend verbringen zu können. Ich dachte an all die Dinge, die dort, ebenso wie hier, verfügbar sind und ohne die keiner von uns leben möchte. Moderne Toiletten und Bäder, Fernsehen und andere Technik überall verfügbar, mehr oder weniger saubere Straßen und öffentliche Verkehrsmittel, Bücher soviel wir wollen… Und ich stellte mir vor, wie begeistert sie von all diesen Dingen sein musste, wo sie doch zu Hause in Swat, der Region in der sie lebte, oft nicht einmal fernsehen konnte, obwohl sie es sehr genoss.
Doch während ich las bemerkte ich, dass sie sich zwar freute, wenn der Fernseher funktionierte und ihr jemand eine DVD mitbrachte, dass sie aber viele andere Qualitäten des Lebens in vollen Zügen genoss, die uns hier oft abhanden kommen. Sie beschreibt die wunderschöne Landschaft. Sie erzählt von ihren Freunden und den Spielen, die sie mit den Nachbarn auf den Dächern und den Straßen gespielt hat. Sie erzählt von den Früchten aus dem eigenen Garten, die sie je nach Jahreszeit genießen konnten. In jedem ihrer Beschreibungen schwingt unglaublich viel Verbundenheit mit. Als sie dann von Birmingham erzählt, geht es um die leere in der Wohnung und um die Einsamkeit ihrer Familie. Anstatt mit vielen Familienmitgliedern zusammen zu sein und mit den Nachbarn zu spielen sitzt sie nun in ihrem Zimmer und macht Kreuzworträtsel.

Nach Hause kommen, den Stress des Tages zurücklassen, seine Ruhe haben – das sind Dinge, die viele von uns genießen. Wenn man Malalas Worte dazu liest, glaubt man plötzlich nicht mehr daran, dass es ein Glück für sie war, in England zu landen. Man beginnt zu hoffen, dass sich ihr Wunsch nach einem schönen Leben in ihrer Heimat in Pakistan bald erfüllt, dort, wo sie sich wohl fühlt und wo sie ihre Freunde hat. All die anderen Dinge scheinen nicht mehr so wichtig.
Und so wie es immer ist, beginnt man über seine eigene Situation nachzudenken.

Obwohl es auch hier geselligere und weniger gesellige Menschen gibt, leben wir doch alle viel isolierter, als es Malala beschreibt. Wir genießen es, auch mal Zeit für uns zu haben, und selbst wenn immer etwas los ist, meistens ist es doch nur die eigene kleine Familie, die uns in Atem hält.
Ich sage nicht, dass es etwas Negatives ist. Es liegt viel daran, was man gewöhnt ist.
Wir haben gerne Freunde und Familie in unserem Haus. Aber wir sind letztendlich auch froh, wenn wir Zeit alleine oder zu zweit genießen können.
Vielleicht verlieren wir dadurch ein wenig die Fähigkeit, uns in andere hineinzuversetzen. Besonders in andere Menschen, mit denen wir nicht gerade sehr eng verbunden sind. Vielleicht konzentrieren wir uns auch einfach mehr auf die Menschen, die uns sehr nahe stehen.
Ich denke, letztendlich ist es alles eine Frage der Perspektive. Ich möchte auf meine Mischung aus Geselligkeit und Ruhe nicht verzichten, aber ich kann auch nachvollziehen, wie diese Lebensweise für andere Menschen kühl und einsam wirkt.
Bleibt nur zu hoffen, dass jeder die Möglichkeit bekommt, sein Leben so zu verbringen, wie er es sich wünscht.

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